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Bericht zur Auftaktveranstaltung


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Als PDF: Bericht

Am 19. Oktober 2007 fand im großen Saal des Allerweltshauses die Auftaktveranstaltung der Reihe “Allerweltsgeschichten” statt. Etwa 80 Personen waren gekommen, darunter Ulla Kux (von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“), Johannes Bunk (vom Kulturamt Köln), Vertreter der Lokalpresse und Mitglieder verschiedener Kölner Vereine.

Sophie Hennes vom Allerweltshaus e.V begrüßte die Besucher und bedankte sich im Namen des Teams der „Allerweltsgeschichten“. Günter Wallraff, der die Eröffnungsrede halten sollte, hat kurzfristig absagen müssen, deshalb wurde sein Rede-Skript vorgelesen:

„Heute sind Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und Nationen zusammengekommen, um Gemeinsames zu suchen und zu finden. Und das ist allemal besser, als auf dem Trennenden zu beharren. Viel Unrecht ist geschehen zwischen den Staaten, aus denen wir stammen. Meistens auf übelste Weise angezettelt von den jeweiligen Führungen, die im Krieg, in der Vertreibung und in den Massenmorden an Minderheiten ihren Profit sahen. Viel zu oft ist dieses Kalkül aufgegangen und wir haben uns gegeneinander ins Jagen und ins Töten treiben lassen.

Als hätte das nie ein Ende, wollen heute erneut große oder weniger große Staatenlenker ganze Völkerscharen gegeneinander hetzen: im Namen der Religion, im Namen der Freiheit oder des Kampfes gegen den Terrorismus. Dass solches Kriegsgeschrei und solche modernen Kreuzzüge ganze Länder in Schutt und Asche legen, ist Absicht. Sie zu durchkreuzen unsere Aufgabe.

Und deshalb gibt es die „Allerwelsgeschichten“, die von einer anderen Wirklichkeit erzählen. Von einer Wirklichkeit, in der es zwar auch Opfer gibt – aber in der diese Opfer beklagt werden. Von allen Seiten. Und wir erzählen von einer Wirklichkeit, in der wir die Täter erkennen, benennen und durchschauen lernen. Und auch in diesem Falle: die Täter auf allen Seiten.

Es geht dabei nicht um Relativierung. Schuld soll nicht aufgewogen werden gegen Schuld und rechentrickreich unter den jeweiligen Teppich gekehrt werden. Nein. Wir wollen uns, beladen mit der Geschichte der Leiden der Opfer und der üblen Taten, begegnen und gemeinsam in eine andere Zukunft weitergehen, die so schön mit dem Motto beschrieben ist: Eine andere Welt ist möglich.“

Anschließend gab es eine Vernissage zur Kunstausstellung „Hommage an Zahrad“ von Jbid Berberyan aus Istanbul. Ihre teils abstrakten, teils gegenständlichen, doch stets ausdrucksvollen farbigen und klar konturierten Bilder und Grafiken erinnern an den armenisch-türkischen Dichter Zahrad, der kürzlich verstarb. Jbid Berberyan stellte sich in einer kurzen, in armenisch gehaltenen Ansprache vor, die von Sandy Zurikoglu Erdogan (Kulturausschuss der Armenischen Diözese in Deutschland) übersetzt wurde. Die Malerin sagte, dass sie sich über diese Veranstaltung freue, auch darüber, dass sie hier in Köln sein kann, obwohl sie diese Stadt nicht kenne, fühle sie sich hier nicht fremd. Sie sagte, dass sie seid ihrer Kindheit von den Gedichten Zahrads fasziniert gewesen sei. Und wie viel ihr das Malen bedeutet, drückt ihr letzter Satz aus, mit dem sie die Gäste in die Ausstellung entließ: „Malen ist für mich mein Schicksal.“
Die Ausstellung ist noch bis zum 1.12.07 im Allerweltshaus zu sehen.

Anschließend spielten Albrecht Kieser (Alt-Saxophon) und Julian Zwicker (Gitarre) einige Musikstücke.

Gegen 19.30 Uhr begann der literarische Teil des Abends. Die Moderatorin Sophia Georgallidis (Griechische Gemeinde Köln e.V.) gab zunächst der Verlegerin und Herausgeberin Niki Eideneier und dem Autor Dogan Akhanli Gelegenheit, ihre persönliche Motivation und den gesellschaftliche Kontext zu ihren Arbeiten darzustellen. Danach las Niki Eideneier bedrückende Gedichte und Kurzgeschichten aus ihrem Buch „Die Sonnenblumen der Juden. Die Juden in der neugriechischen Literatur“. Diese Anthologie enthält die literarischen Zeugnisse über Deportation und Ermordung der griechischen Jüdinnen und Juden während der Besatzung Griechenlands durch die Deutschen im 2. Weltkrieg.

Sie las eine Geschichte vor über das Leben und den Alltag der Menschen in einem typischen Dorf Thessaliens: „Das Alltagsleben im Dorf spielte sich und unter den Bedingungen der Besatzung mit Problemen, Gefahren, Entbehrungen, Ängsten, aber als Überlebenskampf ab, und ebenso im Geiste des Widerstands, um den sich alles drehte, aber es gab auch den Willen zum Leben und den Durst nach ein wenig Zerstreuung, so wie es unter diesen Bedingungen möglich war.
So meisterten nun die Dorfleute, und wir mit ihnen, mit verschiedenen Beschäftigungen das Leben. Die Seeleute und die Fischer gingen fischen, die Bauern bestellten ihre wenigen und kleinen Felder, sorgten sich um die Obstbäume (Äpfel, Kastanien), hackten Holz und lagerten es für den Winter. Man verfolgte die Geschehnisse und die Entwicklungen des Krieges über jede mögliche Informationsquelle: Die Information ging von Mund zu Mund und in der Hauptsache über ein gedrucktes oder handgeschriebenes Blatt, das zu uns gelangte, wofür die Nationale Befreiungsfront Sorge trug. …. Die Beziehungen unter den Dorfleuten waren in der Regel herzlich, man kann sagen, sogar brüderlich, wenn man in Betracht zieht, dass fast alle Familien miteinander verwandt waren, wie es in den meisten Dörfern der Fall ist.“

Die Geschichte von Dadi Sidera „Das Wasser des Vergessens“ beginnt so: „Ich stamme aus Thessaloniki, einer großen Hafenstadt in Nordgriechenland. Wir lebten in der Oberstadt, und ich konnte von allen Straßen, die senkrecht zum Meer hinunterliefen, das Wasser und die riesigen Schiffe sehen. Das Wasser ist ein Element meines Lebens, meiner Erinnerung und meines Vergessens.
Im Jahr 1492, zur Zeit Isabellas von Kastilien, wurden die Juden aus Spanien vertrieben. Sie zogen nach Osten und siedelten sich Städten des Osmanischen Reiches an. Der größte Teil von ihnen blieb in Saloniki. Dort lebten die sephardischen Juden bis zu ihrer Deportation durch die Deutschen 1943. Noch zu Beginn dieses Jahrhunderts stellten sie fast die Hälfte der Bewohner und prägten mit ihrem Spanisch, ihren Villen, Geschäften und Synagogen das Bild der Stadt. Zu schnell und vielleicht zu gern haben die Saloniker diese Mitbürger vergessen. Mein Vater hatte im Zentrum der Stadt, direkt neben den jüdischen Modiano-Markthallen, eine kleine Hutmanukaktur. Sowohl seine Angestellten wie auch seine Materiallieferanten waren Juden. Wenn mein Vater Namenstag feierte, am Tag des heiligen Demetrius, waren seine Geschäftspartner unsere Gäste. Durch die Türspalte des Kinderzimmers beobachteten meine Schwester und ich die vornehmen Besucher, die ganz in Schwarz gekleidet waren, mit hohen Hüten und weißen Gamaschen. Meine erste Freundin war ein jüdischen Mädchen aus Louisa.“ Danach erzählt Dadi Sidera sein Gedenken an dieses Mädchen, ein Gedenken voller Sehnsucht und Trauer.

Anschließend las Albrecht Kieser aus dem Roman von Dogan Ahkanli „Die Richter des jüngsten Gerichts“, der das Schicksal der Armenier in der Türkei in den verschiedenen Epochen des vorletzten und letzten Jahrhunderts eindrucksvoll schildert.

Der Autor erzählt keine durchgehende Geschichte. Ühmet Bey ist ein Zeitreisender, aus seiner Perspektive werden viele dieser Geschichten erzählt sind. Aber er ist auch ein Verwirrter, ein schuldig Unschuldiger, eine Zeuge, der uns oft zu keiner Klarheit verhilft:
„Die Gendarmen hatten einen Trupp von Vertriebenen überfallen. An einer gewissen Zisterne wurden die Menschen, auf die mit Bajonetten eingestochen wurde, in den Brunnenschacht gestoßen. Unter ihnen war auch ein etwa zehnjähriges, sehr hübsches, barfüßiges Mädchen mit großen blauen Augen und strohblonden Haaren. Die Hälfte des Trupps war getötet worden, aber der Schacht war noch nicht voll. Schließlich griff ein Soldat dieses Mädchen beiläufig am Arm und schleuderte es in den Schacht. … Nach Sonnenuntergang näherte sich ein Reiter in Nomadenkleidung. Dann war ein Wimmern zu vernehmen. Es war die Stimme es kleinen Mädchens. Sie kam aus dem Schacht. Auch der Nomade musste sie gehört haben, denn er hielt inne. Ich hob die Hand, um mich bemerkbar zu machen, aber er sah mich nicht. Nachdem er den Mond und die Sterne, die rot leuchteten, betrachtet hatte, ritt er auf die Zisterne zu. Er sah in den Brunnenschacht und musste sich noch in derselben Sekunde abwenden. Ich sah, dass er sich übergab. Gleichzeitig suchte er seine Satteltasche nach etwas ab. Er kramte ein Seil hervor und ließ es in den Brunnen hinunter. Dabei rief er: „Weine nicht, Kindchen, Onkel Fehmindar wird dich retten!“ Etwas später kam das kleine Kind, das der Gendarm am Arm gepackt und wie einen Stein weggeschleudert hatte, aus dem Schacht hervor.“

Die Moderatorin betonte, dass das Hauptverbindungsglied dieser beiden Bücher die Tatsache ist, dass sie von Volksgruppen handeln (Juden, Armenier), die zu unterschiedlichen Zeiten einen Genozid erlitten haben. Sie handeln von Menschen, die verfolgt, deportiert und ermordet wurden, nachdem sie in ihrem jeweiligen Land (Griechenland, Türkei) Jahrhunderte lang gelebt und sowohl das Kultur- als auch das Wirtschaftsleben mit geprägt haben.

Danach entstand eine lebhafte Diskussion über die Möglichkeiten, ob und wie Literatur gesellschaftliche Verhältnisse verändern kann. Wie sollte mit den Tätern umgegangen werden? Können die Erfahrungen von Verfolgung und Genozid angemessen dargestellt werden? Wie groß ist die Gefahr, bei der Auseinandersetzung mit dem Genozid nur in nationalen oder ethnischen und nicht menschenrechtlichen Kategorien zu denken.

Am Schluss wurde auch die öffentliche Diskussion zum Bau einer größeren Moschee in Köln-Ehrenfeld angesprochen. Einige Teilnehmer sprachen von einer mangelnden Distanz oder „blauäugigen Toleranz“ gegenüber den staatlichen türkischen Institutionen, andere wiesen auf die Bedeutung des Verfassungsprinzips der Religionsfreiheit hin.

Die Veranstaltung wurde von der Stiftung „Erinnerung. Verantwortung und Zukunft“ gefördert und von folgenden Vereinen mitorganisiert:

Kölner Appell gegen Rassismus e.V. / Allerweltshaus (Köln) e.V. /
Griechische Gemeinde Köln e.V. / Kulturausschuss der Armenischen Diözese in Deutschland. / Menschenrechtsverein Türkei/Deutschland (TÜDAY) e.V. / Dersim - Gesellschaft für Wiederaufbau e.V. / Romiosini Verlag Köln, POP-Initiativgruppe griechische Kultur in der BRDeutschland e.V. / Recherche International e.V.

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