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Schwierigkeiten des Erinnerns


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in der armenischen, deutschen und t�rkischen Gesellschaft
Von Markus Gippert

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Der K�lner Appell gegen Rassismus e.V. hatte f�r den heutigen Abend die Berliner Historikerin Dr. Annette Schaefgen geladen. Die Moderation �bernahm die Journalistin Sandy Zurikoglu-Erdogan, die die Veranstaltung mit einer Buchvorstellung begann.

�Operation Nemesis. Die T�rkei, Deutschland und der V�lkermord an den Armeniern� von Rolf Hosfeld stellt den Umgang des Deutschen Reiches mit dem V�lkermord an den Armeniern in den Vordergrund. Es beschreibt den Prozess gegen den M�rder von Talaat Pascha am Berliner Landgericht im Juni 1921. Talaat, der als Innenminister des Osmanischen Reiches der Hauptverantwortliche f�r den Genozid an den Armeniern war, lebte inkognito im Berliner Exil, wurde aber von dem Armenier Soghomon Tehlirian aufgesp�rt und auf offener Stra�e erschossen. Das Berliner Gericht sprach Tehlirian frei. Hosfelds Buch beschreibt in allgemeinverst�ndlicher Weise die Hintergr�nden dieses Mordes, es beschreibt die politischen Zusammenh�nge in der T�rkei, die schlie�lich zu den Massakern und Vertreibungen f�hrten. Zudem wird die Verantwortung des Deutschen Reiches als t�rkischer B�ndnispartner deutlich

Auch Annette Schaef-gen hat sich mit dem Mord an Talaat Pascha besch�ftigt. Zu Beginn ihres Vortrags berichtete sie, wie sie dazu kam, �ber den Genozid an den Armeniern und dessen Zusammen-h�ngen zu arbeiten. Auf die Geschehnisse in Berlin im Sommer 1921 war sie im Rahmen eines Seminars gesto�en. In der Folge begann sie, der Frage nachzugehen, warum �ber die Verbrechen an den Armeniern in Deutschland so wenig bekannt sei. �Wie ist das zu erkl�ren in einem Land, das selbst Erfahrungen mit kollektiver Schuld gemacht hat und in dem die �berzeugung von der Wichtigkeit einer offenen und kritischen Vergangenheitsaufarbeitung gewachsen und von einem Gro�teil der Gesellschaft auch verinnerlicht worden ist? M�sste diese Erkenntnis nicht auch auf andere V�lkermordverbrechen �bertragen werden? Warum ist dies nicht der Fall? Welche innen- und au�enpolitische Faktoren waren und sind bei der � zum Gro�teil l�ckenhaften oder sogar fehlenden � Rezeption des V�lkermordes in der Bundesrepublik und in anderen Staaten ausschlaggebend?�. Dies waren die Leitfragen von Schaefgens Studie, welche sie im Folgenden vorstellte.
Diese Arbeit hat vor allem zwei Schwerpunkte: Einerseits beleuchtet sie die Politik, vor allem die deutschen Politiker und Diplomaten und ihre Haltungen und �u�erungen zum Genozid an den Armeniern in der Geschichte der Bundesrepublik. Auf der anderen Seite besch�ftigt sie sich mit der deutschsprachigen Literatur, die das armenische Schicksal behandelt, und der Frage, inwieweit diese Literatur das Wissen �ber das Thema in Deutschland gepr�gt hat.
Beginnend mit dem Schwerpunkt Politik hob die Referentin die Bedeutung der Resolution des Deutschen Bundestages vom 16. Juni 2005 hervor. Die Erkl�rung mit dem Titel �Erinnerung und Gedenken an die Vertreibungen und Massaker an den Armeniern 1915 � Deutschland muss zur Vers�hnung zwischen T�rken und Armeniern beitragen� verzichte auf den Begriff �V�lkermord�, es werde stattdessen von �organisierter Vertreibung und Vernichtung� gesprochen, was sowohl seitens der armenischen Gemeinden als auch der Presse kritisiert worden sei. Trotzdem k�nne die Resolution als �Meilenstein� gelten � �Erstmalig wurde n�mlich von politischer Seite aus eigenem Antrieb zum Thema Stellung bezogen�, so Schaefgen. Sie verwies hierbei aber auch auf die Bedeutung der vorangegangenen Anerkennung des V�lkermords in anderen L�ndern, vor allem in Frankreich und den USA.
Hervorzuheben sei auch, dass die Parlamentarier auf die besondere Verpflichtung Deutschlands hinwiesen, h�tte das Deutsche Reich doch damals eine �unr�hmliche Rolle� gespielt. So seien die Verantwortlichen auf deutscher Seite doch �ber die Massaker bestens informiert gewesen, h�tten aber nicht eingegriffen, da sie das B�ndnis nicht gef�hrden wollten. Zudem sei versucht worden, eine �ffentliche Diskussion in Deutschland zu vermeiden: ��ber die armenische Frage wird am besten geschwiegen�, so zitiert Schaefgen eine Anweisung an die Presse aus dem Jahre 1915. Das Argument, die Bewertung der Massaker an den Armeniern sei eine Frage der Geschichts-wissenschaft � und somit kein Thema f�r die Politik - bezeichnet Schaefgen als �falsch und unlogisch�, es sei unter Historikern international Konsens, dass es sich bei den Ereignissen zwischen 1915 und 1917 um einen V�lkermord gehandelt hat. Dennoch habe die deutsche Bundesregierung dieses Argument noch im Jahre 2001 herangezogen. Somit kam sie der offiziellen t�rkischen Sichtweise entgegen.
Diese Sichtweise, lie�e sich, so Schaefgen in vier zentrale Argumente aufschl�sseln: Die Vertreibungen und Massaker an den Armeniern seien erstens �notwendige Umsiedelungsaktionen� und Reaktionen auf armenische Aufst�nde gegen die t�rkische F�hrung gewesen. Zweitens k�nne von V�lkermord nicht die Rede sein, da nur aus bestimmten Regionen Deportationen erfolgt seien. Drittens habe es keine Vors�tzliche und planm��ige Ermordung gegeben und viertens seien die Opferzahlen weitaus geringer, als von der Gegenseite behauptet. Diese Sichtweise h�tte der t�rkische Staat zur Staatsdoktrin erhoben, so Schaefgen. Von dieser Version abweichende Behauptungen g�lten als �t�rkenfeindlich� und k�nnten entsprechend des Paragraphen 301 des t�rkischen Strafgesetzbuches strafrechtlich geahndet werden. Die Referentin verwies an dieser Stelle u. a. auf das Verfahren gegen den Schriftsteller Orhan Pamuk. Au�erdem wies sie auf die bildungspolitischen Anstrengungen hin, mit der die t�rkische F�hrung in den Schulen indoktrinierend vorgehe, zum Beispiel mittels Aufsatzwettbewerben mit dem Ziel, darzustellen, �dass es keinen V�lkermord an den Armeniern in der T�rkei gegeben habe.�
Betrachtet man die Au�enpolitik der T�rkei, so sei festzustellen, dass sie ihre politischen und wirtschaftlichen Beziehungen, vor allem ihre Mitgliedschaft in der NATO, nutze, um die internationale Diskussion zu beeinflussen und ihre Sichtweise durchzusetzen. Schaefgen stellte fest, �dass die Leugnung des Genozids heute ein politisches Instrument sowohl in der Innen- wie in der Au�enpolitik darstellt�.
Wie der Umgang mit dem V�lkermord in den Beziehungen zwischen der T�rkei und Deutschland behandelt worden war, machte Schaefgen anhand einiger Beispiele aus den Akten des Ausw�rtigen Amtes, Berichte deutscher Diplomaten �ber die Lage in der T�rkei, deutlich. Diese Dokumente zeigten, dass den Diplomaten das Schicksal der Armenier durchaus bewusst war. ��ber den historischen Hintergrund und �ber die T�ter erhalten sie jedoch keine Informationen�, sagte die Referentin. Dieses, so Schaefgen, �l�ckenhafte und unkritische� Bild, das hier vermittelt worden war, lie�e sich durch das v�lkerrechtliche Verbot, sich als Diplomat in die inneren Angelegenheiten des Gaststaates einzumischen, erkl�ren, wie auch dadurch, dass sich Diplomaten vor allem mit aktuellen ethnischen und politischen Problemen besch�ftigten.
Schaefgen beleuchtete im Folgenden auch die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Armenien. Das Thema V�lkermord sei lange Jahre lang kein Thema gewesen. Zur Zeit des Kalten Krieges habe es von sowjetischer Seite keine Rolle gespielt; die nationalen Anliegen der Armenier waren nicht erw�nscht. Heute werde das Thema gelegentlich angesprochen, eine Forderung nach offizieller Anerkennung von Seiten der armenischen Regierung gebe es allerdings (noch) nicht.
Schaefgen schlussfolgert: �Au�enpolitisch wird das Thema demnach nicht an die deutsche Politik herangetragen, von der T�rkei nicht, da diese dieses Thema nicht angesprochen sehen will, von der Republik Armenien nicht, da sie mit existentiellen Problemen zu k�mpfen hat.�
Bei ihrer Be-trachtung der deutschen innen-politischen Dis-kussion richtete Schaefgen ihren Blick vor allem auf die Leistung der armenischen Gemeinde in Deutschland, die seit Anfang der 60er Jahre um Aufkl�rung und Anerkennung bem�ht sei. Sie betont aber auch die Bedeutung der Rezeption der Anerkennungsbem�hungen in den deutschen Nachbarl�ndern. Dar�ber hinaus sei der V�lkermord an den Armeniern �vor allem aufgrund der Diskussion um einen EU-Beitritt der T�rkei auch in Deutschland verst�rkt zu einem Thema der �ffentlichen Diskussion geworden�, stellt Schaefgen fest. Zudem wies sie auf die bildungspolitischen �berlegungen �ber eine Aufnahme des Genozids an den Armeniern als Thema in den Lehrplan hin.
Auch in der T�rkei formiere sich langsam ein Widerstand gegen die offizielle t�rkische Geschichtsschreibung. Schaefgen verwies hier z.B. auf die Historiker Taner Akcam, Fikret Adanir und Halil Berktay. Doch das Beispiel der Historikerkonferenz im Herbst 2005, die das Thema behandeln sollte und der seitens der Politik und der Medien erhebliche Hindernisse in den Weg gelegt wurden, zeige, so Schaefgen, welch �steiniger Weg auf sich genommen� wurde. Sie bewerte diese Konferenz dennoch als �gro�en und hoffnungsvollen Schritt�.
Am Ende ihres Vortrags sprach die Referentin vom zweiten Schwerpunkt ihrer Studie, der deutschsprachigen Literatur, die sich mit dem V�lkermord an den Armeniern auseinandersetzt. Sie erw�hnte vor allem zwei B�cher: �Die vierzig Tage des Musa Dagh� von Franz Werfel und �Das M�rchen vom letzten Gedanken� von Edgar Hilsenrath. �Beide Autoren�, so stellte Schaefgen fest, �verbindet neben der Thematik ihre Motivation: Sie m�chten durch ihre Werke das Schicksal der Armenier wieder in die Erinnerung rufen und zugleich mahnen, das Schweigen �ber die armenische Trag�die zu brechen.� Mit Worten aus Edgar Hilseraths Buch, welche die Wichtigkeit hervorheben, das Schweigen zu brechen und in einen offenen Dialog zu treten, schloss Annette Schaefgen ihren Vortrag.

Die folgende Diskussion, die Sandy Zurikoglu-Erdogan leitete, hatte vor allem drei Schwerpunkte. Zun�chst wurde thematisiert, wie in Deutschland �ber den V�lkermord an den Armeniern gesprochen werden kann. Vor allem wurde das Beispiel Schule angesprochen: Wie k�nnen LehrerInnen in Deutschland auf dieses Thema in ihrem Unterricht angemessen eingehen? Es wurde die Frage gestellt, ob viele LehrerInnen dieses Thema nicht behandelten, weil sie Angst vor den Reaktionen t�rkischst�mmiger Sch�ler haben. In diesem Zusammenhang diskutierten die Anwesenden �ber verschiedene Gespr�che mit Leuten, die der offiziellen t�rkischen Version der Geschehnisse anhingen.
Die Moderatorin setzte den zweiten Schwerpunkt der Diskussion mit der Frage, wie die Aufarbeitung der deutschen Geschichte in Deutschland eine M�glichkeit sein k�nne, die Diskussion �ber den Umgang V�lkermord an den Armeniern anzuregen.
Schlie�lich wurde die Politik des t�rkischen Staates thematisiert. Der V�lkermord an den Armeniern sei wohl ein besonders schlimmes, aber nicht das einzige Beispiel f�r die repressive, brutale und nationalistische Politik in der T�rkei. So wurde auf die Folterpraxis hingewiesen, deren Opfer vor allem politisch Andersdenkende waren und sind. Der Brandanschlag gegen liberale Intellektuelle und Schriftsteller in Sivas im Jahr 1993, bei dem 35 Menschen ums Leben gekommen sind, sei ein schreckliches Beispiel f�r einen von aggressivem, falsch verstandenen Nationalstolz durchdrungenen Teil der t�rkischen Bev�lkerung und einer alles andere als demokratischen Regierung in Ankara.
Sandy Zurikoglu-Erdogan beendete die Veranstaltung mit einem Hinweis auf den folgenden Freitag, an dem die Reihe �Erinnern f�r die Menschenrechte� mit der Vorf�hrung des Films �Ararat� von Atom Egoyan fortgesetzt wird.

Fotos: Sella Schenk
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